Digitale Entgiftung

Weniger virtuell, wieder mehr analog

10. Juni 2010
Albtraum: Die analoge Welt ist ausgestorben
S.189-193

Auszug aus der südamerikanischen Reiseerzählung Zwischen den Zeilen reisen

Online bin ich weggedriftet. Der stiftlose Schriftverkehr hat mich verkehrt gelenkt. Ich bin von Seite zu Seite gesprungen, wurde immer weiter verlinkt und nach irgendeinem Seitensprung, habe ich die Orientierung verloren. Als hätte mich jemand im Kreis gedreht, dreht sich die Welt im Kreis, obwohl ich bewegungslos verharre und nur apathisch auf den Bildschirm starre.
Das Internet hält mich gefangen.
Es ist das Zuhause aller, das Brot für die Welt, die Religion, an die alle glauben, ohne es zu wissen. Hier sind alle gleich, hier ist alles gerecht und doch rächt es sich, denn das Internet ist groß. Unendlich und doch endlich.
Wo ich aufhöre, fängt das Internet erst an: Es hat die Gedanken, die ich selber nicht habe. Es zeigt mir die Orte, an denen ich noch nicht war. Es spricht die Sprachen, die ich nicht verstehe. Es kennt meinen Geschmack und weiß, was ich suche, ehe ich weiß, was ich brauche. Es schlägt mir Freunde vor und Seiten auf, die zu mir passen. Es weiß alles und ich weiß, dass ich nichts weiß, nur wo ich es finde: Im Internet!
Aber das Internet ist groß. Unendlich und endlich grenzenlos! Endlich alle Grenzen los und macht kleine Menschen groß.
Hier hat jeder eine Stimme – sogar der Stumme.
Hier kann jeder mithören – sogar der Taube.
Es ist das Tagebuch aller, auch wenn jeder meint, seines läge sicher – und sicher ungelesen – in der Schublade des Nachttischs. Dabei sind die geheimsten Geheimnisse der großen Geheimdienste und die privatesten Privatsphären der kleinen Privatmenschen online ein offenes Buch, das man doch nicht aufschlagen kann, weil man nichts in den Händen hält und nichts in den Händen hat.
Das Internet ist groß. So groß, dass man sich selbst darin verliert und doch klein genug, um alles andere immer wieder zu finden. Die Datenströme halten mich gefangen wie ein unsichtbares Spinnennetz. Ich will hier raus! Aber das Internet geht nicht aus. Ich bin verloren und habe mich selbst verloren. Die Scheinwelt blendet mit grellem Licht, während sich die alte Welt nur in ihr reflektiert. Das Display ist mein Spiegel, aber ich bin nicht reflektiert.

Mein Traum-Smartphone klingelt und reflexartig betouche ich mit einer smarten Bewegung den Touchscreen. Mein verwirrtes Ich erbricht ein verwirrtes »Hallo?« ins Nichts, während die Stimme am anderen Ende ein routiniertes »Wo bist du?« als erste Frage entgegnet. Wenn ich das wüsste, denke ich und hoffe auf mein smartes Phone. Doch mein GPS-Empfänger empfängt nichts.
»Ich weiß es nicht«, antworte ich verstört.
»Findest du mich?«.
Findest du dich in mir wieder?

Schon bevor ich wach bin, bin ich online. Mein WLAN hat vierundzwanzig Stunden lang beste Verbindung – nur nicht zu mir selbst. Ich surfe mal hier und surfe mal dort, nur nicht auf meiner eigenen Homepage. Ich möchte offline gehen, doch ich finde den Link nicht. So link ist das Internet und so groß die Sucht, die mich täglich viele Stunden heimsucht und mich auf den vielen Seiten immer weiter suchen lässt.
Findest du mich?
Findest du dich in der Sucht wieder?

Wie schwer ist es doch, die Seele zur Ruhe zu bringen, wenn sie immer in Bewegung gehalten wird. Wenn ihre stoffliche Oberfläche an jeder weltlichen Möglichkeit haften bleibt und das sich darunter Befindende immer Wellen schlagen muss und niemals ruhig werden darf. Niemals laut werden darf. Niemals atmen darf, weil niemand mehr danach verlangt.

Wie schwer ist es doch, die Seele zur Ruhe zu bringen, wenn selbst die Stille laut geworden ist. Das Internet ist niemals leise. Immer nur weise, denn es weiß alles, auch das Sinnlose.

Wie schwer ist es doch, die Seele zur Ruhe zu bringen, wenn man ständig die neuesten Meldungen aus aller Welt verfolgt und das Leben der anderen mitlebt. Wie ein kleiner Parasit, der immer mitisst, aber nie satt wird, klebe ich auf den Seiten der anderen, während meine Seite sich nicht füllt, weil sein Wirt ihn nicht mit Leben stillt.
Weil das Leben der anderen so aufregend ist und das eigene Leben nur aufregt, weil das Leben der anderen so lange weilt und das eigene Leben nur langweilt, bin ich online immer so gerne unterwegs.
Analog bin ich immer einsam, aber online bin ich nie allein. Hier habe ich tausende Freunde, die Dinge mit mir teilen, sich mir mitteilen und online mit mir verweilen. Dabei sind ihre Gesichter verzerrt, genau wie Realitäten: Als Avatars feiern sie Urlaube, Hochzeiten und Partys, die Schattenseiten hingegen verbergen sie offline – deshalb will da ja auch keiner mehr sein. Man stellt nur hin und wieder einen positiven Ausschnitt ins Netz rein.
Die virtuelle Existenz zeigt gebündelte Extravaganzen und das besondere Leben der anderen. Völlig unzensiert und ganz ohne Fotoshop bin ich dagegen froh, wenn sich mein Gesicht nicht im Bildschirm spiegelt, das meinem Profilbild nur im Profil gleicht. Trügerische Wahrheit! Die Abgründe der Seele stellt niemand zur Schau.
Wie die Werbung mit perfekt anmutenden Charakteren spielt, entwerfen wir in den sozialen Netzwerken einen makellosen Katalog unseres Selbst. Haben wir die falschen Vorbilder? Oder die falschen Bilder vor uns? Perfekte Ästhetik, Erlebnishunger und hungern bis wir dem Ideal entsprechen – dabei kann uns tief im Innern gar nichts mehr satt machen. Wir haben Hunger nach Leben und bemerken es nicht, weil die Apathie nicht gern spricht. Die innere Leere wird im Außen gefüllt, zugemüllt und vom Aktionismus umhüllt.

Wie schwer ist es doch, die Seele zur Ruhe zu bringen, wenn man sich ständig fragt, wie viele ungelesene Nachrichten im virtuellen Briefkasten warten. Dabei ist es gar nicht das Wer oder das Wie viele – es ist viel mehr das sinnlose Ob jemand geschrieben hat. Ob da etwas ist, das man öffnen kann. Wie ein Geschenk, dessen Inhalt man nicht kennt und wie ein Spender, dessen Namen man nicht nennt, braucht man nur das Blut.
Online gehe ich den Weg zum Briefkasten deshalb unablässig, während ich den Blick in mein Postfach vor der Haustür nur noch einmal wöchentlich wage. Eine Nachricht auf dem überholten Briefweg kann ohnehin nicht von Bedeutung sein – sie hat Zeit. Wie schön für sie, denn die habe ich nicht! Denn online ist immer was los und deshalb bin ich die Zeit los, ohne zeitlos zu sein. Immer auf dem Sprung und doch nie zum Absprung bereit, vergeht die Zeit und bleibt einfach nicht stehen und auch nicht bei mir.
Wieder ein Klick auf Posteingang – meine Zwangsneurose bekommt immer mehr Gewicht. Infiziert habe ich mich online und wenn ich die Sendezeit meiner E-Mails mit der Antwortzeit vergleiche, ist längst eine Epidemie ausgebrochen. Liegen zwischen Senden und Empfangen mehr als sechzig Minuten, ist meine Angstneurose aktiviert und ich sorge mich, dass der Angeschriebene, der Patient im Nachbarbett, an seiner Neurose verstorben ist. Ich hätte längst eine neue Nachricht erhalten müssen, was der Verabreichung meiner nächsten Tablette gleicht, sodass endlich die Angst weicht.
Doch nichts passiert.
Über Skype setze ich einen Notruf ab und klingle vergeblich nach meiner Schwester. Zur Ablenkung gehe ich Online-Shoppen und bezahle über Online-Banking die Rechnung meiner Online-Bestellung. Das Internet kennt keinen Sonntag, das Internet ist immer nett.
Das Internet kann alles, nur meinen Hunger stillt es nicht und so bedaure ich, dass Fast Food nur schnell und nicht schlank ist. Ich möchte es im Postfach haben und nach dem Download entpacken. Einen Buchstabensalat als Leibgericht, der meine innere Leere besticht. Nicht kochen, keinen Abwasch machen, kann das Internet das nicht machen? Denn ich kann hier nicht weg, sonst verpasse ich was.

Ich schlucke den Hunger, aber er macht mich nicht satt. Denn in mir lebt ein Teil, den weder das Ob, noch die Nahrung füllen kann. Nur ich könnte ihn füllen, wenn ich wüsste, wo ich bin. Wenn ich wüsste, wer ich bin und zwar ohne eingeloggt zu sein. Wenn ich wüsste, wer ich offline wäre, würde es mich dort noch geben. Aber da bin ich ja nicht, sonst verpasse ich was. Nur einmal in der Woche, wenn ich den Weg zum Briefkasten wage, wo mir niemand mehr begegnet und mich nichts erwartet.
Aber online ist immer was los. Die ganze Welt wittert twitternd, dass was passiert und zittert, wenn was passiert. Immer ist irgendwo Unruhe, denn über Ruhe kann man nicht berichten. Immer passieren irgendwo Katastrophen, denn der Alltag schreibt keine Geschichten.
Wir lieben das Extravagante und brauchen den Rausch,
Normalsein war gestern und Traditionen auch.
Unser Leben ist hinter den Bildschirm gerückt. Es findet zweidimensional, also ziemlich flach, vor kleinem Horizont statt. Die Tiefe geht verloren, die Oberflächlichkeit lebt. Man ist nur noch im Außen, das Innen verklebt. Natur ist das gekippte Fenster, Bewegung das gekonnte Fingerspiel über der Tastatur und eine gute Konversation ein virtueller Dialog.
Die analoge Welt ist ausgestorben.
Mein Albtraum ist wahr geworden und keiner hat es wahrgenommen, weil jeder hinterm Display steckt und niemand mal den Kopf ausstreckt. Dabei kann das Internet nicht träumen, nicht riechen, nicht fühlen, nicht lachen und keine schönen Dinge machen. Es betäubt die Sinne und klaut uns das Leben.
Wenn die ganze Welt so funktioniert,
kann man sich nicht mehr rausnehmen,
nur noch ausgrenzen
und Grenzen schaffen,
die Raum für sich selber lassen,
auch wenn einen dann die anderen hassen.
Mal wieder mit sich sein, so ganz allein.
Mal wieder analog sein, nicht immer nur online.
Was früher ganz normal war,
ist heute eine Seltenheit.
Heute hat selten jemand Zeit,
weil jeder alles machen will,
weil jeder alles machen kann,
weil jeder überall sein will
und das am liebsten gleichzeitig.
Hier und da, im All und überm All,
und überall da, wo noch niemand war.
Und jeder will doch schon gleich wieder zurück sein,
um nicht zurückzubleiben,
und hinterherzueilen.
Denn wer den Anschluss verliert, verliert den Anschluss. Dabei sind wir längst kabellos vernetzt und dennoch in etwas verstrickt, das uns zusammenhalten soll, aber uns die Luft zum Atmen nimmt und manchmal erstickt.

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