Auszug aus der südamerikanischen Reiseerzählung Zwischen den Zeilen reisen

11. Mai 2010

Peruanisches Kabarett

S.51-84

Mit seinem begrenzten Raum wirft mein Rucksack immer wieder die Frage auf, warum ich in Deutschland so viel mehr besitze, wenn das meiste, was ich benötige auch auf meinem Rücken Platz finden kann. Je weniger ich anhäufe, umso weniger kann ich verlieren und umso freier bin ich. Jegliche Materie beschwert nicht nur das Unterwegssein, sondern auch den Geist, denn wenn man sich äußerlich auf das Notwendige reduziert, schärft dies den Blick für das Wesentliche. So macht die Einfachheit des Reisens vieles auf einfache Weise einfach.

Nach einer wundervollen und wanderreichen Woche mit Steffi in Huaraz, bin ich nun in Cusco gelandet, wo ich in der Hospedaje Inka mein Gepäck noch einmal reduziere und mit einem kleinen Rucksack zu der weltbekannten Inka-Stätte aufbreche: Machu Picchu.

Sitznachbarn. Um 8.30 Uhr soll der Bus nach Quillabamba abfahren. Auch wenn ich in Südamerika nicht an Pünktlichkeit glaube, sitze ich um 8.30 Uhr auf Platz Nummer zweiunddreißig und bin gespannt, wer auf dieser Reise neben mir sitzen wird. Denn obwohl man sich auf den südamerikanischen Busfahrten über viele Stunden unvermeidlich nahe ist, ist ein Schweigen oft das einzige, was man mit seinem Nebenmann teilt.

Der Bus füllt sich schnell, aber der Platz neben mir ist noch frei. So betrachte ich neugierig die draußen ihr Gepäck verstauenden Passagiere, während sich Hoffnungen und Ängste breit machen, denn ich möchte nicht jedem so nahe sein, wie ich ihm zwangsläufig sein muss: Es gibt die Ignoranten, die sofort ihren Sitz nach hinten stellen, mich mit ihren Ellenbogen gegen die Scheibe pressen und in einen tiefen Schlaf verfallen. Es gibt die übel Riechenden, bei denen ich mich aus freien Stücken in Richtung Scheibe orientiere. Es gibt die Schweigenden und die Telefonierenden, die ruhig Schlafenden und die Schnarchenden, die Fernsehschauenden und die Apathischen. Es gibt die Frauen, die mehrere Kinder auf ihrem Schoß stapeln und die, die einen Gepäckturm zwischen uns errichten. Und selten gibt es die Neugierigen, die sich unterhalten wollen, die etwas über die Welt der unbekannten Nachbarin erfahren möchten und auch auf ihre Fragen zu antworten wissen – es gibt die Geschichtenerzähler, die eine lange Busfahrt kurzweilig sein lassen. So wie heute…

Ein etwa vierzigjähriger Mann betritt den Bus, vergleicht die Platznummer seines Tickets mit den über den Sitzen stehenden Zahlen, lächelt mich an, setzt sich neben mich und beginnt ein Gespräch. Der Unbekannte heißt Carlos. Er arbeitet als Polizist in Cusco, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Warum ihn sein Weg in die Selva, in den Urwald, führt, frage ich und erfahre, dass er in der Umgebung von Quillabamba aufgewachsen ist. Heute möchte er seinen Vater besuchen, der dort noch immer mehrere Kaffee-, Orangen-, Kakao- und Avocado-Plantagen unterhält.

»Mein Vater gehört der Kooperative Cocla an. Ein Unternehmen, das biologischen Kaffee und Kakao produziert und vielen Bauern dieser Region vor knapp zehn Jahren die Existenz rettete. Damals fiel der Preis an der New Yorker Kaffeebörse so stark, dass viele Quechua-Indianer kurz vor dem Ruin standen. Mithilfe von Cocla konnten die meisten ihre Produktion auf die Bedingungen eines fairen Handels umstellen und somit nicht nur ihren Lebensunterhalt sichern, sondern sogar verbessern«, erzählt er und fragt, was mich nach Südamerika treibt und warum ich auf dem Weg in die Selva bin. Und während ich beginne, meine Geschichte zu erzählen, heult der Motor laut auf.

Es ist 9.30 Uhr. Peruanisch pünktlich verlassen wir Cusco.

Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel und die Luft ist so frisch und klar, als hätte die Andenwelt ihr soeben erst das Leben geschenkt. Nur der Bus wirbelt Staubwolken auf und quält sich schwerfällig die steilen Hänge hinauf, die Cusco von allen Seiten umgeben.

Ohne erkennbaren Grund überkommt mich plötzlich eine tiefschürfende Welle der Freude. Nach den Monaten im staubigen Lima, sehne ich mich nach Farben! Nach Grün und nach Sauerstoff. Nach Ursprünglichkeit und nach Schweigen. Ich möchte die schöpferische Schönheit mit allen Sinnen inhalieren. Ich möchte die Freude wieder fühlen, die die Bilder der peruanischen Hauptstadt so gekonnt in Schach hielten. Ich habe Lust auf Leben!

Ich erzähle Carlos, dass ich aus Deutschland komme, vor ein paar Jahren für sechs Monate in dem kleinen brasilianischen Ort Leme gelebt habe und aufgrund meiner Leidenschaft für Südamerika auf den Kontinent zurückgekehrt bin. Dass ich seit letztem Dezember in Lima gearbeitet habe, dass ich nun acht Wochen Peru und Bolivien bereisen und schließlich über die Route Chile, Argentinien, Paraguay nach Leme zurückkehren werde.

»Und jetzt bist du auf dem Weg nach Machu Picchu?«, fragt Carlos. »Ja! Aber ich habe lange überlegt, ob ich diesen Ort, den man von zu vielen Fotografien schon fast auswendig kennt, überhaupt sehen möchte. Die Touristenströme, die ihren Müll zurücklassen, die beschränkten Besucher und die beschränkten Besucherzahlen sowie der Gedanke an eine zukünftige Seilbahn ruinieren die Mystik doch schon lange, bevor man sich ein eigenes Bild von diesem Ort machen könne«, erkläre ich. Er lächelt über meine Worte, die ein Peruaner wohl nie in dieser Deutlichkeit aussprechen würde und die ich normalerweise auch keinem anderen Peruaner so deutlich gesagt hätte. Aber er scheint den Sprung zwischen unseren Kulturen zu schaffen und meine Bemerkung richtig einordnen zu können: Es ist keine Kritik an seinem Land, sondern meine Meinung, gepaart mit deutscher Direktheit und Ehrlichkeit.

Schließlich frage ich den modernen Peruaner, der selbst schon einmal dort gewesen ist: »Machu Picchu – sehen oder nicht sehen?«. Seine Antwort ist eindeutig: »Man muss Machu Picchu gesehen haben!«.

Theater im Bus. Der Bus ist spartanisch ausgestattet und befördert neben mir ausschließlich Einheimische. Es gibt keine Klimaanlage und noch weniger Beinfreiheit. In diesem Bus fehlen sogar der Fernseher und das Radio und so ist es ungewohnt still. Doch die Stille währt nur kurz: Für Unterhaltung sorgen verschiedene Solokünstler, die ihre Geschichten preisgeben, als seien es traurige Märchen, deren Ende die Passagiere mit dem Kauf einiger Bonbons zum Guten verändern können.

Von nun an hängen meine Ohren an den Lippen der Erzähler, als sei der Bus eine Theaterbühne. Gekonnt und routiniert schwingen mehrere Personen überzeugende Reden, von denen ich mich frage, wie viel Wahrheit sie beinhalten und wie viel Fantasie ihnen beigemischt wurde. Nachdem uns der erste Redner sein Schicksal anvertraut hat, wickelt er mehr als die Hälfte der Fahrgäste mit den Worten um den Finger, dass alles, was man für andere tut, zu einem selbst zurückkommt. Das zieht! Vielleicht kann beim Verkauf von Süßigkeiten aber auch einfach kein Peruaner widerstehen…!? Wie auch immer – von überall erklingt das Klirren der Münzen und auch Carlos und ich kaufen ein paar seiner Bonbons, ehe sich der Redner bei seinem Publikum bedankt und den Bus verlässt.

Bühne frei für den nächsten Entertainer, der wie der nächste, der übernächste und der darauffolgende, das Wort nahtlos übernimmt. Wie ein Lied mit mehreren Strophen, konstruieren die verschiedenen Personen ein Musikstück, dessen Refrain von der Armut handelt. Sie schildern ihre ausweglose Situation, berichten von kranken Familienangehörigen und klagen über die fehlenden Mittel für Medikamente. Einer versucht das nötige Geld für ein Studium zusammenzubekommen, um seiner Familie endlich ein besseres Leben zu ermöglichen, ein anderer spart für den Neubeginn in Lima.

Ich verfolge die Worte, deren Bilder ich längst gesehen habe: Allesamt beschreiben sie den Teufelskreis der Armut, der vor langer Zeit begann und auch in diesem Bus nicht enden kann. Wie immer stößt der Kreislauf der Armut den Kreislauf meiner Gedanken an. Auch Carlos ist längst verstummt. Wir sind beide in den oft gehörten Worten versunken, die Stimmen kundtun, die man einfach nicht überhören kann.

Als der nächste Alleinunterhalter die Bühne betritt, folgen fast sechzig Minuten Aufklärung über gesunde Ernährung und Kritik eines Peruaners an seinen Landsleuten. Mit seiner lauten Stimme gelingt es ihm sogar die Schlafenden zu wecken und so genießt er ungeteilte Aufmerksamkeit, als er voll Überzeugung eine mir unbekannte und wahrscheinlich frei erfundene Wissenschaft erklärt:

Anhand von schockierenden Erfahrungsberichten, die er mit unmissverständlichen Bildern seines Kataloges unterlegt, zeigt er die Spätfolgen einer ungesunden Ernährung auf. Fettleibigkeit versus Magersucht, verstopfte Arterien, verfettete Lebern und verklebte Bronchien. Ich sehe abschreckende Bilder und schaue in noch entsetztere Gesichter. Die Kombination aus Wort und Bild wirkt. Er erzählt und kritisiert, fantasiert und überzeugt und die sonst oft so teilnahmslosen Mitfahrer lauschen seinen Worten, bangend und hoffend, dass der Weise auch den Ausweg kennt.

Anerkennend lobt er die Chinesen für ihre fortschrittlichen Erfindungen und verurteilt die peruanische Lethargie: »Ihr wisst euren Reichtum an Früchten, Gemüse und Getreide nicht zu nutzen! Anstelle der Früchte, ernährt ihr euch einseitig von Hühnchen, Süßwaren und zuckerhaltigen Limonaden!«, klagt er verzweifelt, während die einzigartige Landschaft mit ihren gut erhaltenen Terrassenanlagen der Inka nahezu unbeachtet hinter dem Fenster vorüberzieht.

Als er den Spannungsbogen nach zwanzig Minuten Aufklärung nicht weiter spannen kann, erfolgt in die erwartungsvolle Stille endlich die Lösung: »Alles, was ihr tun müsst, ist jeden Morgen und jeden Abend diese Pillen zu schlucken und das Ende eures Leidens ist gewiss!«

Ganz anstrengungslos, absolut benutzerfreundlich.

Ob bei Gewichts- oder Herzproblemen, bei Magenschmerzen oder als unterstützende Wirkung für den Muskelaufbau, selbst im Kampf gegen die Impotenz ist dieses Mittel potent und so ist für jedes Leiden und für jeden Mitfahrer etwas dabei.

Nach bester Verkaufsstrategie legt er das Produkt nun jedem Passagier in die Hand. Ehrfürchtig halte auch ich das Wundermittel in meinen Händen, als seine Worte das ausgebrochene Stimmengewirr wieder übertönen. Euphorisch fügt er hinzu, dass diese Pillen gerade heute, nur für uns, im Angebot seien.

Wer da nicht kauft, ist selber Schuld.

Ich staune nicht schlecht, als tatsächlich fast alle das aktuelle Angebot, vielleicht durch das schlechte Gewissen der zuvor verzehrten Süßigkeiten, nutzen und einige vermeintliche Schnäppchen schlagen. Geld und Heilmittel fließen durch den Bus und lächelnd beobachte ich, wie sich ein Gefühl der Genugtuung um die Züge des Verkäufergesichtes schleicht. Ich glaube, dass weniger der Inhalt, als vielmehr das Auftreten dieses Mannes überzeugen konnte. Ein Genie, denke ich und würde zu gern auch bei seiner Strophe das Verhältnis von Realität und Fantasie erfahren.

Seit Fahrtbeginn piepsen etwa vierzig Küken aus zwei winzigen Pappkartons hinter Carlos und mir. In den kommenden Monaten werden sie gefüttert, bis eine Familie wenige Wochen von ihnen satt werden kann. So viel zum Hoffen und Bangen um den passenden Sitznachbarn und zu der ausgewogenen Ernährung der Peruaner.

Die Fahrt besitzt eine eigenartige Komik und obwohl sich niemand kennt, obwohl es nur eine Kette sich aneinander reihender Situationen ist, ergibt das Gesamte eine kabarettistische Vorstellung. Das ist Peru: Eigenartig komisch, unschuldig naiv und ungemein sympathisch.

Nach etwa einer Stunde erreichen wir Urubamba. Die Geschäfte sind abgeschlossen. Der gesundheitsbewusste Verkaufsstratege steigt zufrieden aus und zieht mit seinem Kollegen, der in einem anderen Bus aufklärte, hinter unserem Fenster Bilanz. Zwei Könner, die während sie abzocken, den Unwissenden auch noch ein gutes Gefühl verleihen – wie gut, dass auch Placebo wirkt.

Wir haben fünfzehn Minuten Pause für den Toilettengang und um den Hunger an einem oder mehreren der vielen Verkaufsstände am Straßenrand zu stillen. Alles, was in der letzten Stunde schlecht geredet wurde, wird hier von peruanischen Verkäuferinnen lautstark angepriesen, und – nun zeigt sich der Erfolg der vergangenen Stunde – von soeben aufgeklärten Passagieren auch gekauft! Süßwaren, helles Gebäck, Maiskolben mit Käse, Chips, Popcorn und stark gesüßter Fruchtsaft landen gedankenlos in den hungrigen Mägen, die doch eigentlich ganz andere Ideale verfolgen. Wenn der Geist willig, aber das Fleisch schwach ist, müssen die Wunderpillen eben umso stärker sein, aber dieses Phänomen ist mir aus der Heimat hinlänglich bekannt.

Dennoch mag ich diese Eigenartigkeit des Volkes, die manchmal so skurril ist, dass ich sie zurück in Deutschland vermutlich selbst nicht glauben werde. Verrücktes Peru, denke ich, während auch ich die Werbepause des Bustheaters nutze und die Toilette aufsuche.

Das Ekelkabinett. Vorhang auf: Wie groß die Distanz zur Toilette ist, kann ich nicht nur sehen, sondern auch riechen. Nicht nach Geschlechtern getrennt, teilen Männer und Frauen das gleiche Los. Die Menschenschlange reicht bis weit in den Hinterhof – der Geruch schafft es noch weiter.

Drei spärliche Plastikfolien bilden die improvisierten Toilettentüren, erzeugen nur minimale Privatsphäre und zu wenig Raum. Deshalb stehen die Männer schon im Hinterhof unmittelbar neben der Warteschlange dicht beieinander in Reih und Glied und zielen in eine Rinne an der Wand.

Jegliche Spur von Hygiene ist von zahlreichen anderen Spuren überlagert: Der eigentlich trockene und weiß geflieste Boden ist nass und braun, der Übergang zur Urinrinne im wahrsten Sinne des Wortes fließend und weil es keine Spülung gibt, kann ich erahnen, wie viele Busse heute schon vor uns hier gewesen sein müssen. Wassereimer sollen die Spülung ersetzen. Doch was nicht benutzt wird, kann nichts ersetzen. Es stinkt erbärmlich.

In der Hoffnung, dass diese Situation schnell ihr Ende findet, wird die Distanz zum Ursprung des Übels nur viel zu langsam geringer. Wäre das menschliche Bedürfnis kein menschliches Bedürfnis, hätte ich den Hinterhof längst verlassen. Doch nun stehe ich als erste in der Reihe und warte, welche Plastikfolie mir Blicke offenbart, die ich gar nicht sehen möchte. Ein gebrechliches Ömchen zieht den blauen Vorhang für mich auf und während ich mir in meinen abgelaufenen Flip Flops mehr Sohle wünsche, schleicht sich die Alte ohne Wassereimer davon.

Vorhang zu.

Blaue, nasse Plastikfolie begrenzt ein Loch im Boden und zwei aus Steinen angefertigte Fußabdrücke, die vorherige Besucher definitiv nicht zum Positionieren der Füße nutzten. Augen zu und durch: Was ganz offensichtlich jeder hier denkt, denke auch ich und verlasse in Rekordzeit das lauteste stille Örtchen, das ich je besucht habe.

Über den nassen Boden balanciere ich zurück in den Hinterhof, wo ein Gartenschlauch mit fließendem Wasser auf meine durstigen Hände wartet. Unglücklicherweise begegnen mir hier fast ausschließlich Frauen und auch mein Sitznachbar verlässt den Hinterhof ohne einen Abstecher zum Gartenschlauchwasser – das habe ich genau gesehen.

Von der Sierra in die Selva. Das Hupen des Busfahrers holt die noch fehlenden Passagiere von den Verkaufsständen oder hinter den Plastikfolien hervor. Weiter geht’s – von nun an ohne Akteure. Ihr Lied verstummt, aber der Ohrwurm bleibt. Die Solokünstler steigen gerade in die Busse ein, die zurück nach Cusco fahren, während sich bei uns die Stille ausbreiten will, die die Küken jedoch immer wieder durchbrechen.

Zwanzig Kilometer hinter Urubamba erreichen wir Ollanta, der als ältester, dauerhaft bewohnter Ort Südamerikas gilt und bereits zur Zeit der Inka von großer Bedeutung war. Noch heute thront die eindrucksvolle Festung Ollantaytambo mächtig über der Stadt, als sei jene Kultur nie untergegangen.

Von Ollanta soll die Fahrt noch etwa viereinhalb Stunden bis nach Santa Maria dauern, wo ich den Bus wechsle. Während der Río Urubamba die geheimnisvolle Inka-Stätte Machu Picchu auf direktem Weg gen Westen erreicht, führt meine Strecke zunächst mit dem Bus und schließlich zu Fuß fast einmal im Kreis um die Ruinenstätte herum.

Nachdem wir den 4320 Meter hohen Pass Abra de Málaga  überwunden haben, gehen die Anden in den Urwald über und sogleich dringt schwüle Hitze in den Bus.

Bücher über Südamerika | Reisebericht Peru-1

Der Pass Abra de Málaga trennt die Sierra von der Selva

Bücher über Südamerika | Reisebericht Peru-2

Farnen- und Schlinggewächse peitschen gegen die Fensterscheiben und der Schotterweg wird enger, holpriger und staubiger. Bananenpflanzen, Papayabäume und Kaffeesträucher beleben das Land, endloses Grün erfüllt meinen Blick.

Die meisten Passagiere haben ihre Einkäufe in Cusco erledigt und befinden sich auf dem Rückweg in ihre Heimat, die versteckt im peruanischen Urwald-Dickicht liegt, wo sich ein Tourist nur selten hin verirrt. Die Anden begrenzen ihre entlegene Welt.

Die Stimmung im Bus ist friedlich, still und ursprünglich. Die Bauersfrauen unterhalten sich auf Quechua und das Zusammensein wirkt wie das einer großen Familie, zu der ich mich für ein paar Stunden an den Tisch setzen darf. Dass ich hier sitze, nimmt jeder so hin, doch ich fühle mich unausgesprochen ausgesprochen willkommen.

Popcornregen. In Santa Maria, wo nur wenige Häuser das grüne Dickicht unterbrechen, wechsle ich nach sechseinhalb Stunden den Bus. Ich verabschiede mich von vierzig Küken, mehr oder weniger gesundheitsbewussten Mitfahrern und von Carlos, dem ich nicht ohne Grund meine Hand verweigere und steige in einer anderen Welt aus.

Die Natur ist üppig, der Wetterwechsel überfordernd. Die Schwüle liegt so schwer in der Luft, als drücke sie alles, was sich unter ihr bewegt und wächst, in den Boden. Schnell verkrieche ich mich im nächsten Kleinbus, der für umgerechnet zwei Euro nach Santa Teresa fährt. Jene Collectivos fahren nicht nach einem geregelten Fahrplan, sondern immer, wenn genügend Fahrgäste eingetroffen sind. In der Abgeschiedenheit des peruanischen Bergurwaldes habe ich mich schon auf längeres Warten eingestellt, aber der Bus füllt sich schneller, als ich dachte und seine Kapazitäten es vorsehen. Jeder stapelt seine Einkäufe und Ernten auf dem Dach und quetscht sich schließlich selbst auf die durchgesessenen Plätze, die eigentlich keinen Platz mehr bereithalten. Doch einen vollen Bus gibt es in Peru nicht – das habe ich ja schon in Lima gelernt.

Schließlich findet auch der Fahrer, dass unser Bus ausreichend beladen ist und zündet den Motor. Wir holpern los und als es bereits nach wenigen Metern Popcorn aus den Einkäufen vom Dach regnet, sind sich alle einig, dass die Säcke einen Platz zwischen unseren Beinen verdient haben. Sie werden direkt vor mir positioniert und nehmen mir die Beinfreiheit, die ich an diesem Tag ohnehin nie hatte. Schweigend bekomme ich Platzangst und Lust auf Popcorn.

Der erdige Untergrund der schmalen Fahrspur bewegt uns von links nach rechts und von oben nach unten. Es schaukelt und wackelt, quietscht und hupt, rast und bremst – und es riecht nach Popcorn. Mit dem Kopf pralle ich gegen die Decke, mit dem Steißbein lande ich auf dem harten Sitz. Alles tut weh, nur der Blick aus dem Fenster tut gut. Er ist paradiesisch, obwohl, oder vielleicht gerade weil das Ende meines Lebens mal wieder nur eine Sekunde der Unaufmerksamkeit des Fahrers entfernt ist. Gefühlt war ich dem Tod noch nie so oft so nahe wie in den letzten Monaten. Oder ist der Tod einem Menschen immer gleich nahe? Vielleicht!? Auf jeden Fall lauert der Abgrund erneut unmittelbar neben der Fahrbahn, sodass ich gedanklich abermals Abschiedsbriefe schreibe, die sich mit jeder weiteren Fahrt in den Anden flüssiger lesen lassen. Ich werfe sie aus dem offenen Fenster in den roten Sand und denke, dass ich bis hierher ein ziemlich gutes Leben gehabt habe. Nur Machu Picchu würde ich noch gerne sehen – jetzt, wo ich schon mittendrin bin, in dieser faszinierenden Landschaft unendlichen Grüns, nebelverhüllter Andengipfel und tiefer Täler, in denen sich irgendwo die mysteriöse Stadt der Inka versteckt.

Als sich der Tag dem Ende zuneigt und sich die tiefrote Abendsonne in den schlammigen Pfützen spiegelt, erreichen wir nach zwei Stunden den kleinen Ort Santa Teresa.

Auf der Suche nach einem Hostel, streife ich durch die wenigen Straßen und treffe ein französisches Paar, das auf der gleichen ausgefallenen Route nach Machu Picchu unterwegs ist, wie ich es bin. In einem einfachen Restaurant essen wir gemeinsam zu Abend. Wir sind die einzigen Gäste und uns schnell einig, dass dieser Tag ein Abenteuer war, weil der Weg ein Abenteuer war. Denn während die meisten Besucher von Machu Picchu früh morgens mit der Bahn anreisen und am selben Abend zurück nach Cusco fahren, oder eine Vier-Tages-Tour auf mittlerweile recht überfüllten und touristisch angehauchten Inka-Trails buchen, ist dieser Weg eine relativ unbekannte Alternative. Sie ist zeitintensiv und unbequem, aber kostengünstig und versprüht abseits der Touristenströme das, was Machu Picchu ausmacht: Die Abgeschiedenheit in einer abgeschiedenen Welt.

 

12. Mai 2010

Der Weg ist das Ziel

Es ist früher, als mein Wecker mich wecken sollte, aber der Dschungel und ich sind schon hellwach. Spinnen, Ameisen und andere Kleintiere tippeln flink auf der Zimmerdecke und so gibt die Geräuschkulisse Aufschluss, wo ich mich befinde, noch bevor ich mir diese Frage stellen kann: Mitten in der Selva, mitten im schnellen Rhythmus des Dschungels. Weil die schwüle Hitze verhindert, dass ich noch einmal einschlafe, beginne ich den Tag eher als geplant. Ich packe meinen kleinen Rucksack und frühstücke im Mercado des kleinen Ortes, wo mich die nette Frau des Marktstandes darauf hinweist, dass ich mich beeilen muss, wenn ich mit den Arbeitern bis zum Wasserkraftwerk Hidroeléctrica fahren möchte. Doch ich wähle den fast doppelt so langen Fußweg durch die Schlucht, die der Río Urubamba in diese einzigartige Landschaft gräbt und starte die vierundzwanzig Kilometer lange Wanderung ganz ohne Eile.

Kleine Lehmhäuschen sowie einige Bananenstauden und Kaffeepflanzen begrenzen die sandige Straße, die schließlich über eine hölzerne Brücke führt. Ohne Ortsschild endet hier Santa Teresa und auf der anderen Seite des Flusses gibt es nur noch Natur. Lianen und Schlingengewächse bedecken die steil abfallenden Hänge der märchenhaften Schlucht, Wasserfälle stürzen in die Tiefe und füttern den Río Urubamba und die Wolken kleben an den grünen Gipfeln fest. Es ist, als erwecke die Morgensonne diese Gegend das erste Mal zum Leben – die Schöpfung erscheint so herrlich unverbraucht.

Kopfvergessen. Auf einer recht einsamen Strecke wandere ich nach Aguas Calientes, dem einzigen Ort am Fuße von Machu Picchu, der dort vielmehr rastlos logiert, als ruht. Die Mystik der Inka-Stadt ist lange schon spürbar, ehe die Ruinen sich auf den Gipfeln der Anden abzeichnen und so bin ich schon nach wenigen Kilometern ganz woanders. Unvermittelt lässt der mich allseits umringende Urwald die Vorstellung einer anderen Welt nicht mehr zu. Ich bin im Herzen der Natur, die so wunderschön schweigt. Mit dem wenigen Materiellen, das ich auf meinen Schultern trage und der steten Geschwindigkeit meiner Beine, werde ich auf einfache Weise einfach und langsam. Der Überfluss ist leicht abgeworfen und die Schnelligkeit schnell ausgebremst. Wo es nicht viele Möglichkeiten gibt, nehmen die Gedanken keine Fahrt, aber die Sinne ihre Arbeit auf. Begleitet von den Lauten der Fauna und dem steten Geräusch meiner Schritte, wandere ich gedankenlos und schon bald in eine Meditation hinein.

Schritt

für

Schritt,

bin ich das Gehen.

Und glücklich!

Erst wenn der Verstand vollends ruht, entfalten die Sinne ihre wahre Kraft. Er nimmt dann zwar noch wahr, aber er betrachtet schweigend. Er gibt endlich keine Kommentare mehr ab. Bewertet nicht, verurteilt nicht, vorurteilt nicht und treibt meine Gedanken nicht immer schon weiter.

Wenn die Sinne die Welt erklären, legt der Kopf alles ab, was das moderne Leben auferlegt und unentwegt in ihm hegt: Den ewigen Zeitplan der Gedanken, die tickende Uhr in den Beinen, die virtuelle Welt in den Händen und das vermeintlich unentbehrliche Wissen im Kopf. Das ständige Getriebenwerden und Steigern findet hier keine Verwendung. Der Kopf sieht endlich ein, dass all das nutzlos ist.

Ohne Zahlen, Maße, Ränge und Einheiten – entsteht Einheit.

Ohne Regeln und Normen, ohne Pflichten und alltägliche Fesseln, ohne müsste, sollte, hätte, würde – BIN ich einfach. Endlich die, die ich sein darf und nicht mehr die, die ich so häufig sein muss oder sein soll. Natürlich ist das Leben kein Kinderspiel, aber hier ist es zumindest ein Spiel. Der Ernst, seine Herausforderungen und Anstrengungen lösen sich in dieser reinen Luft auf. Das Gehen in dieser Gegend ist wie eine Pause, wie ein tiefer Atemzug. Es ist ein Sich-Sammeln.

Von den gesellschaftlichen Zwängen befreit, sprengt die Gegenwart die gesellschaftliche Schablone meines Körpers:

Ich bin frei!

Und Freiheit ist jegliche Grenzen los.

Eins mit der Umgebung,

bin ich von Verbundenheit erfüllt,

als sei ich schon einmal hier gewesen.

Nicht an diesem Ort, sondern in diesem Zustand.

Dieser Zustand fühlt sich so vertraut und nach des Menschen Heimat an. Doch sind wir vor langer Zeit aus ihm ausgezogen und haben uns den modernen, weltlichen Stoff angezogen. Der weltliche Stoff ist alles, was vom Wesentlichen ablenkt: Der Schmutz der überflüssigen Materie, die Gier nach immer mehr Geld, das Unvermögen, die Möglichkeiten zu kontrollieren. Der weltliche Stoff ist alles, was sich uns tagtäglich auferlegt und unser Inneres abdichtet, wie ein undichtes Loch, das es zu Stopfen gilt.

Hier darf die leise Seele endlich laut sein und der ganze große Rest hält mal die Luft an. Hier atmet etwas Göttliches, das mich belebt und beseelt.

Erst gegen Mittag kommen mir vereinzelte Wanderer entgegen. In den Augen aller ruht ein Leuchten, als hätte Machu Picchu ein Stück seiner Magie verschenkt. Von diesem Ort geht eine unermessliche Anziehung aus. Wie ein Magnet zieht die Stadt in den Wolken auch mich zielsicher zu sich. Selten war Energie für mich so spürbar wie an diesem Tag!

Machu Picchu und mein nicht gebuchter Guide. Auf der Hälfte der Strecke erreiche ich das Wasserkraftwerk Hidroeléctrica. Von hier an folgt der noch zwölf Kilometer lange Wanderpfad bis nach Aguas Calientes den Eisenbahnschienen, die sich stets an den Río Urubamba schmiegen. Da Machu Picchu in einem schwer zugänglichen Gebiet liegt, führen noch immer keine Straßen zu der verschollenen Stadt. Sie ist einzig per pedes oder mit jener Bahnlinie über die Strecke von Cusco nach Aguas Calientes erreichbar.

Der morgendliche Nebel, der sich in der Schlucht sammelte und um die Berggipfel klammerte, ist längst der Hitze gewichen, als mich nach etwa vier Stunden der gesprächige Alfonso, ich dürfe ihn Alfi nennen – was ich nicht tue – einholt. Auch er strahlt diese Zufriedenheit aus, die den gesamten Weg und jeden Wanderer beseelt.

Wir kommen ins Gespräch.

Er ist Touristenführer, erzählt er, aber nicht so entkräftet wie die beiden Franzosen, die ihn für den mehrtägigen Treck nach Machu Picchu buchten. Weil die beiden mit geschundenen Körpern an einer Haltestelle auf den Zug warten, der sie anstelle der eigenen Füße das letzte Stück zur Ruinenstätte bringen wird, profitieren heute nicht sie, sondern ich von Alfonsos Einblicken in ein Geheimnis. Denn obwohl er den Weg schon unzählige Male zurücklegte und die Situation es heute nicht verlangt, bestreitet er ihn auch an diesem Tag. Und obwohl er seine Worte schon unzählige Male verkündete und die Situation es heute nicht verlangt, erzählt er sie auch an diesem Tag. Ungefragt und euphorisch sprudelt er von seiner Leidenschaft und jedes Detail, das er mit strahlenden Augen über Machu Picchu erwähnt, entfacht auch meine Vorfreude aufs Neue.

Wie sehr sich die Worte eines Reiseführers von denen eines Indios unterscheiden, bemerke ich in diesem Moment: Der Reiseführer liefert Fakten, Alfonso öffnet einen Türspalt in die Vergangenheit:

»Es ist das Jahr 1911. Der US-amerikanische Archäologe Hiram Bingham reist zu Expeditionszwecken zum wiederholten Male nach Peru. Er weiß um eine verschollene Stadt inmitten des Dschungels, deren tatsächliche Existenz ihm jedoch niemand bestätigen konnte. Nun will er eigenhändig die Ruinen von Vilcabamba ausfindig machen – jene letzte Inka-Festung, die einst den Spaniern zum Opfer gefallen war«, erzählt Alfonso. »Von einem Einheimischen geführt, wandert er auf den zugewachsenen Pfaden die steilen Berghänge hinauf, wo er zunächst einigen Bauern begegnet, die die im 15. Jahrhundert von den Inka errichteten Terrassenfelder bewirtschaften. Auf dem Gipfel entdeckt er schließlich überwucherte Häuser, Treppen und Tempel. Die verlassene Ruinenstätte war wiedergeboren!«, schreit er aufgeregt in die stille Welt.

Sie wurde in Quechua, der alten Inka-Sprache, auf den Namen Machu Picchu, alter Gipfel, getauft.

»In den folgenden Jahren legte Bingham den alten Gipfel frei und erweckte die vergessene Stadt allmählich aus ihrem drei Jahrhunderte andauernden Schlaf. Er vermaß, katalogisierte und verschiffte die Funde schließlich in die Universität von Yale in die Vereinigten Staaten«. Dann wird Alfonsos Stimme leiser und nimmt einen traurigen Klang an, fast, als handle es sich um sein persönliches Schicksal: »Peru fordert diese Schätze noch immer vergebens zurück. Bis heute ist in keinem peruanischen Museum ein Gegenstand von Machu Picchu ausgestellt«.

1956 starb der Archäologe in dem Glauben, die letzte Inka-Festung, das vermeintliche Vilcabamba, entdeckt zu haben. Wütend betont Alfonso immer wieder, dass es nicht Bingham war, der Machu Picchu entdeckte: »Der Berg war den Personen des Urubamba-Tals zu jeder Zeit bekannt – Bingham war lediglich derjenige, der die Kunde in den Westen trug«, trichtert er mir ein, als sei sein größtes Anliegen, dass seine Schülerin diese Tatsache versteht und wahrheitsgemäß mit nach Hause nimmt.

Einhundert Jahre später zählt Machu Picchu zum UNESCO-Weltkulturerbe, gilt als eine der größten Touristenattraktionen Südamerikas und zieht jährlich mehr als 500.000 Touristen in seinen Bann. Man vermutet, dass sich das wirkliche Vilcabamba etwa fünfunddreißig Kilometer nordwestlich von Machu Picchu befindet, doch das scheint niemanden zu interessieren.

Allem Ruhm und aller Aufruhr ungeachtet, trotzt Machu Picchu der Wissenschaft, die sonst doch alles zu wissen schafft: »Noch immer ist das Geheimnis um die verlorene Stadt der Inka nicht gelüftet«, fährt Alfonso routiniert fort, als leite er eine große Anzahl von Touristen zu jener mystischen Stätte – dabei höre nur ich ihm begeistert zu.

»Es gibt weder Überlieferungen noch wissenschaftliche Aufzeichnungen – niemand weiß genau, welchen Zweck Machu Picchu einmal erfüllte: Eine Winterresidenz des Inka-Herrschers? Eine strategische Festung? Ein Zufluchtsort der letzten Inka? Ein astronomisches Kultzentrum? Oder, da Bingham deutlich mehr weibliche, als männliche Skelette fand, ein Haus der auserwählten Frauen? Niemand weiß es!«, sagt er mit einem Hauch von Nostalgie, dem er eine Prise Enttäuschung beimischt. »Mehrheitlich vermutet man, dass Machu Picchu ein Landsitz der Inka war, auf dem etwa sechshundert Menschen lebten, die den Ort für eine mögliche Ankunft des Sapa-Inka, des Inka-Herrschers bereithielten. War dieser anwesend, konnten bis zu zweitausend Personen dort leben. Doch das ist nur eine Vermutung«.

In einem Punkt stimmen Astronomen, Geologen und Historiker jedoch überein: Machu Picchu muss heilig gewesen sein.

Mir ist es eigentlich egal, was Machu Picchu war und für welchen Zweck dieser Ort errichtet wurde. Im Gegenteil: Dass in der heutigen Zeit eine solche Unwissenheit bestehen kann, begeistert mich. In Verbindung mit der unzugänglichen Lage, ist es wahrscheinlich genau diese Unkenntnis, die das Geheimnisvolle und Mystische begründet. Insgeheim hoffe ich, dass die Stadt in den Wolken für immer ein bisschen das Geheimnis der Vergangenheit bleiben darf.

Sicher ist, dass die Inka die Stadt in der Mitte des 15. Jahrhunderts, zur Blütezeit ihrer Kultur, errichteten und den Ort nur hundert Jahre später wieder verließen, obwohl die spanischen Eroberer die Kultstätte nicht entdeckten. So gibt auch ihr Untergang Rätsel auf. Doch vermutlich war mit dem Zusammenbruch des Inka-Reiches auch der Untergang von Machu Picchu unabwendbar.

Für einen Moment folgen wir schweigend dem Weg der Schienen und hängen unseren eigenen Gedanken nach. Über dem Fluss tanzen Mückenschwärme in der Sonne. Wir bleiben stehen, betrachten die Gegenwart, aber unsere Köpfe verweilen irgendwo in der Vergangenheit. Mit meinem Blick klettere ich immer wieder die Berghänge hinauf und kann nur an wenigen Stellen erkennen, wovon Alfonsos Worte berichten.

Die Stille in dieser Welt ist nicht von dieser Welt. Die steilen Bergwände halten sie zwischen sich gefangen, als wissen sie um ihre Kostbarkeit. Die Reise nach Machu Picchu hat sich für mich schon jetzt gelohnt, weil ich ein bisschen von seinem Zauber schon längst erfahre. Der Weg ist das Ziel.

Mit den Worten »du musst dir morgen auf jeden Fall den Intihuatana anschauen«, bricht Alfonso das Schweigen, als hätte es für sein Empfinden ohnehin zu lange gewaltet. »Intihuatana ist ein Wort aus der Quechua-Sprache und bedeutet Sonne binden oder etwas freier übersetzt: Ort, an dem die Sonne angebunden wird. Dieser Stein ähnelt einer Sonnenuhr und der Schatten seines Granitzapfens gab Aufschluss über die Tageszeit, die Planetenbahnen und die Sternbilder. Mit seiner Hilfe konnten die Inka die Sommer- und Wintersonnenwende und die Tag-und-Nacht-Gleiche auf den Tag genau bestimmen. Außerdem lieferte er der landwirtschaftlich geprägten Kultur entscheidende Informationen für ihre Aussaat- und Erntezeitpunkte. Nach welchen astronomischen Methoden sie die Vorhersagen treffen konnten, ist aber niemandem bekannt«.

Feststeht, dass die Zeit bis zur Wintersonnenwende Ungewissheit für die Inka bedeutete. Die kürzer werdenden Tage sowie die niedriger stehende Sonne, entfachten die Angst, dass sie eines Tages für immer verschwinden könne. Durch das Abhalten von Zeremonien versuchten die Inka daher, die Sonne an den sakralen Intihuatana zu binden und sie davon zu überzeugen, den Himmel wieder höher zu wandern. »Jede Inka-Stätte soll über einen derartigen sakralen Kalenderstein verfügt haben, aber die meisten wurden von den Spaniern im 16. Jahrhundert zerstört. Nur Machu Picchu, die nahezu unerreichbare Festung inmitten des wilden Urubamba-Tals, blieb von der Zerstörungswut der goldhungrigen Spanier verschont«, berichtet Alfonso.

Er erzählt, als würde er seinen Gedanken bloß einen Klang verleihen und hätte vergessen, dass ich an seiner Seite und in seinen Gedanken spazieren gehe. Dann schweigt er und die Stille seines Mundes entfernt augenblicklich die Bilder der Vergangenheit aus der sichtbaren Welt. Scheinbar hat er auch heute keine Lösung auf die noch offenen Fragen gefunden.

Wir gehen weiter, wandern durch dunkle Tunnel und unter dem dichten Grün des Hochland-Regenwaldes einmal um Machu Picchu herum. Es ist ein geheimnisvoller und ein trügerischer Berg: Von unten einer wie jeder, oben absolut einzigartig. Dann taucht unverhofft der Ort Aguas Calientes auf. Zwei Stunden waren wir derart im Gespräch versunken, dass wir das tropisch heiße Klima nicht bemerkten.

Das Dorf am Fuße von Machu Picchu besteht ausschließlich aus Unterkünften und Restaurants und versorgt als artifizieller Fremdkörper inmitten der Natur die Touristenmassen mit verhältnismäßig wenig, doch immer noch viel zu viel Luxus. Mit seiner bloßen Anwesenheit kann er der Magie dieser Gegend nicht gerecht werden. Für maximal zwei Nächte bettet er die Touristen, die sich wie Staubpartikel kurz niederlegen, ehe die Luft sie schon früh am Morgen weiterträgt – hoch auf den alten Gipfel oder zurück nach Cusco – auf welchem Weg auch immer…

Ich verabschiede mich von Alfonso, bedanke mich für seine unterhaltsame Begleitung und entscheide spontan, die Nacht im ersten Hostel am Ortseingang zu verbringen. Suchen und Vergleichen passt heute nicht – heute passt, was ist!

Die Inka

»Vom Aufgang der Sonne, bis zu ihrem Niedergang.«

Auszug aus dem Psalm 113

Ihre Zeit: Die Inka zogen um das Jahr 1200 als kleine Gruppe in das Urubamba-Tal und gründeten dort ihr Reich unter dem ersten Herrscher Manco Cápac. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert waren sie die dortige Regionalmacht. Die Blütezeit erlebte diese Kultur ab dem Jahr 1438, die unter Huayna Cápac um 1525 ihren Höhepunkt erreichte. Die Kultur der Inka war die bedeutendste Hochkultur Südamerikas.

Ihr Reich: Der Andenstaat war das mächtigste Reich Altamerikas. Es erstreckte sich über 4500 Kilometer von der Südgrenze des heutigen Kolumbiens bis nach Zentralchile. Die Inka nannten ihr Land Tahuantinsuyu, das Land der vier Teile.

Cusco war der Mittelpunkt und bedeutet auf Quechua Nabel der Welt. Sie galt als heilige Stadt im heiligen Tal. Von hier wurde das gigantische Imperium verwaltet und regiert. Etwa zweihunderttausend Menschen lebten in Cusco, wo sich auch die Straßen kreuzten, die aus den vier Reichsteilen auf die Plaza de Armas zuliefen.

Die Expansion des Reiches sowie das Unterwerfen anderer Völker, wie beispielsweise der Chimú, Chanka oder Nazca, erfolgte zunächst im gewaltfreien Versuch, Macht gegen Privilegien einzutauschen. Frei übersetzt bedeutete das: Hochzeit oder Massaker. Bei Widerstand setzen die Inka jedoch brutale Gewalt ein.

Im Rahmen von Kriegszügen zerstörten sie das Dasein anderer Kulturen und hinterließen ihre fugenlosen Spuren aus Stein. Von den unterworfenen Völkern übernahmen sie die besten Erfindungen aus den Bereichen der Bewässerung, Kriegsführung, Landwirtschaft und Architektur.

Ihre Herrscher: Etwa zweihundert verschiedene ethnische Gruppen lebten unter einem Herrscher, dem Sapa Inka. Während der dreihundertjährigen Dynastie der Inka regierten vierzehn Sapa-Inka, die als Inkarnation der Sonne galten. Die Inka verehrten ihren Herrscher als Gott und trugen ihn auf einer Sänfte, sodass seine Füße nie den Boden berührten.

Der bedeutendste Sapa-Inka war Pachacútec, der das Reich in den Jahren von 1438 bis 1471 führte. Schon sein Name drückt aus, wozu er fähig sein sollte: Einer, der die Welten verändert. Unter ihm eroberten die Inka weite Teile der Anden und errichteten die Terrassenanlagen. Pachacútec war es auch, der den Bau von Machu Picchu initiierte.

Ihre Kommunikation: Die Kommunikation erfolgte auf einem vierzigtausend Kilometer umfassenden Straßennetz. Die chasquis waren Botenläufer, die Informationen von einer Etappe zur nächsten trugen. So schnell sie konnten, legten diese maximal dreißig Kilometer zurück, sodass die Inka die dreitausend Kilometer lange Strecke zwischen Cusco und Quito im heutigen Ecuador mit 375 Botenläufern in nur drei bis fünf Tagen überwinden konnten. Ihr Kommen kündigten sie dem nächsten Läufer mithilfe eines Schneckenhorns an.

Die Inka waren ein schriftloses Volk. Ihr Wissen überlieferten sie mündlich sowie mithilfe der Quipus. Quipu ist Quechua und bedeutet Knoten. An einer Hauptschnur befestigten sie mehrere andere Schnüre, in die sie Knoten knüpften, die je nach Farbe, Position, Abstand und Art der Schlaufe eine bestimmte Information codierten. Statistische Werte wie Ernteerträge, Lager- oder Tierbestände, Daten von Volkszählungen oder Geschichtliches konnten auf diese Weise im Dezimalsystem erfasst werden.

Aufgrund der Schriftlosigkeit der Inka sowie der wenigen Überlieferungen und weil die Konquistadoren die meisten Quipus verbrannten, stellten die Eroberer die vorrangige Quelle aller Informationen um die undurchsichtige Kultur der Inka dar.

Neben den Informationen, beförderten die Inka Waren der unterschiedlichen Landeszonen auf ihren Straßen. Von der Küste kamen getrockneter Fisch, Baumwolle und Mais. Von Süden Gold und Silber. In den Anden bauten sie etliche Kartoffelsorten an und produzierten Alpaka-Wolle. Der Amazonas lieferte Heilkräuter, Coca, Früchte sowie die Federn tropischer Vögel und der Norden Muscheln und Schneckenhörner.

Ihre Verwaltung: Von der restlichen Welt abgeschnitten, befand sich die Entwicklung der Inka in der Bronzezeit. Sie kannten weder Schrift noch Geld. Weder das Rad noch Reittiere. Sie bauten nicht an Flüssen, sondern hoch oben in den Bergen. Ihre einheitliche Verwaltung, Architektur, das Bewässerungssystem sowie die fruchtbaren Terrassen waren hingegen fortschrittlich. Bei ihnen gab es weder Hunger noch Armut.

Ihre unzähligen Wege führten durch Tunnel, über Hängebrücken und behauene Stufen. Tausende Menschen mussten dafür auf den Baustellen schuften. Es war ein staatlich geregelter Dienst. Steuern entrichteten die Inka in Form von Arbeitsleistung im Straßenbau, Kriegsdienst oder in der Landwirtschaft.

Da weder Geld noch Handel existierten, erfolgte die Zuteilung der Ressourcen durch Beamte in Abhängigkeit der jeweiligen Personenzahl und ihrer Arbeitsleistung. Die optimale Nutzung der Ressourcen war oberstes Prinzip.

Ihre Religion: Die Inka verehrten mehrere Götter. Viracocha war der Schöpfergott, Pachamama die Erdgöttin. Ihr Hauptgott war Inti, der Sonnengott. Der Sonnenkult war Staatsreligion. Gold und Silber galten als Tränen von Sonne und Mond.

Die Grundprinzipien ihrer Religion, die sich durch einen holistischen Ansatz sowie durch Liebe und Toleranz zu allen Lebewesen auszeichnete, waren die Beseeltheit der Natur sowie die Opferreligion. Für die Inka war alles lebendig – jeder Stein und jede Pflanze. Immer wenn sie etwas nahmen, gaben sie etwas zurück. Sie glaubten, dass ihnen auch die Götter etwas zurückgaben, wenn sie ein Opfer brachten. Es war eine Wechselbeziehung.

An Orten, an denen die Inka besonders viel genommen hatten, gaben sie besonders viel zurück. Um den Göttern zu danken, erbrachten sie neben Tieropfern auch Menschenopfer. Die meist zehnjährigen Kinder wurden dafür ein Jahr lang vorbereitet und vor der Opferung mit Coca-Blättern und Alkohol betäubt.

Ihr Ende: Nachdem Francisco Pizarro das Inka-Reich im Jahr 1532 entdeckt hatte, folgten die Ausbeutung sowie die Auslöschung der Kultur. Christliche Missionare brachten die katholische Religion und neue Ansichten: Der Herrscher war nicht mehr göttlich, die Sonne nur noch ein Stern und die Gabe der Natur blieb ohne Gegengabe – Ausbeutung war der neue Grundsatz.

Die Kirche verbot die heidnischen Bräuche und zerstörte die Tempel und Götterfiguren der Inka, während sie ihre eigenen Gotteshäuser auf deren Grundmauern setzten. Da der Glaube der Inka in starkem Zusammenhang mit der Natur steht, konnte er jedoch nicht völlig ausgelöscht werden. Noch heute praktiziert ein Teil der Bevölkerung den Glauben der Inka: Die Menschen verehren und respektieren Pachamama, die Mutter Erde. Ihre Berge, Flüsse, Seen und Schneegipfel stellen heilige Kraftorte dar und die Gabe und Gegengabe ist noch immer ein andines Grundprinzip.

Von den zehn Millionen Einwohnern des Inka-Staates waren neun Millionen nach kurzer Zeit umgekommen. Gründe für den Untergang gibt es viele: Eingeschleppte Krankheiten, der Überraschungsmoment der spanischen Angreifer, die Annahme, die fremden Weißen seien Götter, deren Skrupellosigkeit und militärische Überlegenheit trotz Unterzahl, der Streit um die Thronfolge zwischen den Brüdern Atahualpa und Huáscar nach dem Pockentod des Herrschers Huayna Cápac, die fehlende Initiative der Inka, die unzähligen Schlachten.

Als Pizarro Atahualpa im Sommer 1533 hinrichten ließ, folgte nur wenig Widerstand. Mit dem Tod des letzten Sapa-Inka Túpac Amaru I. im Jahr 1572 – er wurde auf der Plaza de Armas in Cusco vor mehreren tausend Inka enthauptet – war das Ende der Hochkultur besiegelt.

Die spanische Krone übertrug den Eroberern die Ländereien sowie die darauf lebenden indigenen Menschen. Sie führten die Zwangsarbeit für Indigene ein, die im Gegenzug die christliche Missionierung erhielten. Jenes System der ecomiendas war der Beginn der Sklaverei und die grausame Fortsetzung der Ausbeutung.

13. Mai 2010

Geheimnisvoll und weltentrückt: Machu Picchu

Aufstieg. Laute, aufgeweckte Gespräche dringen durch die dünnen Zimmerwände und wecken mich tief in der Nacht: Es ist 3.00 Uhr. Doch mitten im unermesslichen Urwald ist ein kleiner Ort bereits hellwach. Vor Aufregung kann auch ich nicht wieder einschlafen und lausche eine Stunde den verschiedensprachigen Konversationen der Unbekannten, ehe ich schließlich aus dem Bett krieche.

Weil ich allein bin, fragt mich ein bärtiger Spanier auf dem Flur, ob ich gemeinsam mit ihm und den beiden Chilenen, mit denen er ein Zimmer teilt, nach Machu Picchu aufsteigen möchte und nur wenig später verlassen wir zu viert unsere Unterkunft.

Wir schleichen durch die dunklen Straßen, in denen andere Touristen durch das Leuchten der Taschenlampen ihre Anwesenheit verraten. Sandiger Boden unter unseren Füßen, die Milchstraße über unseren Köpfen. Sie galt bei den Inka als Spiegelbild des heiligen Tals, durch das der Río Urubamba fließt. Sein kraftvolles Rauschen zieht uns zu sich und erfüllt jeden Winkel der gegenwärtigen Welt, als wir den Fluss überqueren. Auf der anderen Seite ist die Nacht wieder still. Aguas Calientes, die Servicestadt von Machu Picchu, liegt hinter uns und nur wenige Schritte später glaube ich nicht mehr an ihre Existenz.

Schwarze Nacht. Die Luft ist frisch und klar und der Himmel von einem gigantischen Sternenmeer überflutet. Im zarten Licht des Mondes tauchen allseits die markanten Silhouetten der steilen Berghänge auf, die von vereinzelten Schweifwolken berührt, kraftvoll im unbewohnten Nichts schweigen.

Welch magische Welt…

Wir tauchen in den finsteren Wald ein und bewältigen den fast vertikalen Aufstieg über die unebenen, steinernen Treppenstufen, die die Inka einst errichteten. Der runde Schein der Taschenlampe erleuchtet den schmalen Pfad, den wir im dunklen Gestrüpp nicht finden würden. Das Holz knackt unter unseren Füßen, während das Rauschen des Urubambas mit jeder weiteren Stufe verstummt und wir nur wenige Worte wechseln. Alles andere wäre zu laut in jener unermesslichen Stille und weil der Atem auf 2300 Höhenmetern immer heftiger nach Sauerstoff lechzt, ohnehin ein Wort zu viel. Jeder für sich resorbiert, was der Augenblick bietet. Mehr als etwas Sichtbares, ist es ein Gefühl.

Wir schreiten weiter, immer höher, immer steiler den Berg hinauf. Allmählich erkennen die Augen die unregelmäßig gesetzten Steine, sodass der Körper, der an diesem Morgen keine Müdigkeit kennt, schneller einen Fuß vor den anderen setzt. Nach eineinhalb Stunden ist der Berg bezwungen. Als sich die Profile der ersten Inka-Gebäude vor dem mittlerweile farbenfrohen Himmel abzeichnen, fühle ich mich für einen kurzen Augenblick wie Hiram Bingham – dann sehe ich die Menschenmasse vor dem Eingangstor.

Vermutlich wollte jeder möglichst früh hier sein, um möglichst allein zu sein – früh sind wir alle, nur allein ist keiner.

Die Stille und der Zauber von Machu Picchu

Um sechs Uhr öffnet Machu Picchu seine Pforten und die Menschen verströmen sich in der alten Ruine, wie die Wassertropfen im Urubamba – sie alle sind da, aber sie alle gehen unter. Sie fügen sich dem großen Fluss und so ist es, als hätte ein jeder die alte Inka-Stätte in diesem Augenblick doch ganz für sich allein.

Ich bin überwältigt und begeistert, ergriffen und überrascht: Obwohl ich das sehe, was jede Fotoaufnahme von Machu Picchu ziert, fällt mein Blick doch auf ein anderes Motiv. Was ich sehe, wird nicht durch das bestimmt, was ich sehe, sondern durch das Gefühl, welches das Gesehene in mir hervorruft.

Grenzenlose Energie ist spürbar. Sie platzt förmlich aus etwas heraus, so als hätte jemand einen Luftballon aufgestochen. Etwas Göttliches liegt in der Luft. Niemand kann erklären, warum die Inka diesen Ort für den Bau von Machu Picchu wählten – dieses Gefühl reicht, um zu verstehen!

Die Kunst der Vergangenheit ist die Ästhetik der Gegenwart. Die unbewegten Bilder überschlagen sich, da mein Blick auf den Mauern und Terrassen, Bergen und Schluchten wild umherspringt, aus Angst, jemand könne den Zauber im nächsten Augenblick wieder auslöschen. In der Hoffnung, ein Foto könne diesen Moment einfangen, versuche ich die Gegenwart abzulichten. Doch bereits der Blick auf das Display zeigt, dass kein Abbild die Realität darlegen kann: Die Farben zu schwach, der Winkel zu klein, die Stille zu leise, die Distanz des Betrachters zu groß. Das entstehende Gefühl – viel zu kraftlos!

Es ist der Versuch, den gesamten Ort und alles, was ihn unsichtbar umgibt, in meine kleine Kamera zu quetschen. Es ist ein vergeblicher Versuch. Deshalb reihe ich mich nur kurz in die Akustik der auslösenden Fotoapparate ein, die alle dieselbe Sprache sprechen, wenngleich ihre Besitzer von den unterschiedlichsten Flecken der Erde angereist sind und verstaue meine Kamera im Rucksack. Alles andere wäre Kritik an der Realität, Verrat meiner Empfindungen und würde die Anmut der Schöpfung ohnehin verkennen. Denn jedes Foto zeigt nur eine verzerrte Wirklichkeit:

Es ist ein Abbild ohne Bild,

ein Antlitz ohne Gesicht,

ein Wesen ohne Seele,

ein Dasein ohne da Sein.

Eine Fotografie von Machu Picchu ist wie Tanzen ohne Musik.

Wer das versteht, versteht Machu Picchu!

Menschen dokumentieren ihre Videoaufnahme, Vogelzwitschern, Unterhaltungen auf Spanisch, Französisch, Hebräisch, Deutsch und Japanisch. Flussrauschen und Flussrauschen, das hinter hohen Felswänden verstummt. Die Geräusche werden von einer mächtigen Stille umhüllt und schließlich verschluckt, als verschließe diese sie in einem Vakuum der Töne. Die Welt schweigt in einem so reinen, überwältigenden Klang, für den selbst das geschriebene Wort zu laut scheint. Es ist eine Stille, die eine Legasthenie für Töne hat. Sie löscht alle Assoziationen für Laute aus dem Gedächtnis und schenkt die friedvollste Stille, die ich je vernommen habe.

Die Ursprünglichkeit der Natur und die Präsenz einer untergegangenen Kultur prallen radikal auf die globalisierte Welt und ihre moderne Technik. Ich taumle zwischen der Stille und den Geräuschen, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und zwischen dem Selbst und der Umgebung, bis die Sonne aufgeht.

Sonnenkult

Inka bedeutet Sohn der Sonne. Am Anfang der Inka stand der Sonnengott Inti. Er hat das Volk erschaffen, war die Achse ihrer Welt und galt als universale Lebenskraft.

An diesem Morgen klettert Inti später als wir die steilen Felsen hinauf und erleuchtet zunächst die in der Ferne gelegenen, schneebedeckten Eisriesen der Cordillera Vilcabamba, die die Szenerie säumen, wie ein Rahmen das Bild. Machu Picchu, der alte Gipfel ruht im Schatten – der Hauptdarsteller betritt die Bühne zuletzt.

Die Sonnenstrahlen sind lebendige Wesen, die einen Tanz aufführen.

Sie hypnotisieren.

Es ist ein Liebesspiel zwischen Machu Picchu und Inti.

Eine Metapher der Sinnlichkeit.

Poesie pur,

die alles mit leidenschaftlicher Harmonie erfüllt.

Alles und jeder ist still und betrachtet das Spiel der aufgehenden Sonne.

Schließlich hat sie es geschafft:

Der Scheinwerfer ist auf Machu Picchu gerichtet.

Die Menschen applaudieren,

ich schließe meine Augen.

Es ist Tag.

Huayna Picchu

Zusammen mit dem spanischen Künstler, der in Valencia Skulpturen entwirft und dem Chilenen, der seinem Sohn das Highlight des südamerikanischen Kontinents zeigen möchte, wandere ich noch ein Stück höher: Den Huayna Picchu, den jungen Gipfel hinauf.

Bücher über Südamerika | Reisebericht Peru-3

Inmitten dieser schroffen Berglandschaft versteckt sich Machu Picchu

Bücher über Südamerika | Reisebericht Peru-4.jpg

Die Stadtanlage von Machu Picchu mit dem Huayna Picchu im Hintergrund

Der Huayna Picchu thront dreihundert Meter über der Stadtanlage und ziert meist nur den Hintergrund des populären Postkartenmotivs. Beim Tempel des heiligen Felsen müssen sich alle Besucher registrieren, denn aufgrund der ungesicherten Pfade kehrt nicht jeder zurück. Die Besucherzahl ist zudem auf vierhundert beschränkt.

Schon nach wenigen Metern werden die in den Felsen gehauenen Stufen enger, unebener und höher. Manche sind nur einen Fuß breit, dafür einen halben Meter hoch, und die letzten dreißig Meter führen nahezu senkrecht in die Höhe. Dem Blick nach unten folgt eine heftige Adrenalinausschüttung: Ohne Brüstung fallen die Felswände, teilweise unmittelbar neben den Stufen, fast sechshundert Meter in die Tiefe. Doch den Weg zurück nach unten gibt es erst, wenn ich oben war. Die Aussicht auf jene Aussicht denkt gar nicht ans Umkehren. Unweit vom Gipfel entfernt, krabbeln wir durch einen schmalen Felstunnel, der die Besucher noch einmal selektiert – die Dickeren müssen einen Umweg nehmen und weitere, herausfordernde Stufen bewältigen.

Oben angekommen, verzaubert ein atemraubender Ausblick: Machu Picchu zu unseren Füßen, grünbewaldete Berghänge so weit das Auge reicht, und in der Tiefe windet sich der Río Urubamba geräuschlos und bloß noch als feiner Strich erkennbar um den Felsen. Während sein tosendes Geräusch vor wenigen Stunden meine Welt erfüllte, scheint er nun schweigend und fast bewegungslos an den Grund gezeichnet.

Mit meinem Blick wandere ich den gestrigen Weg zurück und kann kaum glauben, dass die Inka-Stadt von nur wenigen Stellen des Tals auszumachen ist. Hier oben wird ihre einzigartige Lage noch deutlicher: Zu drei Seiten, in Richtung Norden, Westen und Osten, fallen die Steinwände unüberwindbar steil, fast senkrecht in die Tiefe. Die Inka konnten das gesamte umliegende Tal kontrollieren.

Auch wenn man nicht genau weiß, wofür Machu Picchu errichtet wurde, ist klar, dass man hier oben sicher war.

Auszeit. Hoch über dem Rest der Welt, sitze ich auf einem Felsvorsprung. Die anderen sind zugegen und doch in weiter Ferne. Ich bin in meiner eigenen Welt unterwegs und versuche schweigend – und durchs Schreiben – zu verstehen, was die Wirklichkeit offeriert. Es ist der Ort, der schreibt und das Schreiben selbst, das schreibt. Ich führe nur den Stift über das Papier.

Ich nehme mir eine Auszeit und schalte die Zeit aus. Als ich aus der Bleistiftkunst meines Blocks auftauche, weiß ich nicht, ob Minuten oder Stunden vergangen sind. Die Sonne weiß es: Inti wandert unentwegt den Himmel entlang und verrät, dass die Zeitlosigkeit bloß ein subjektiv empfundener Zustand ist – es ist Stunden später.

Der Spanier und die beiden Chilenen sind längst gegangen. Typisch südamerikanisch ist alles ganz unverbindlich und spontan. Spätestens, wenn Machu Picchu seine Tore schließt, wollen wir uns am Ausgang treffen.

Machu Picchu

Etwa vierhundert Meter über der Talsohle, auf einem schmalen Bergsattel zwischen den Gipfeln des Huayna Picchus und des namensgebenden Machu Picchus gelegen, ruht die beeindruckende Stadt auf 2360 Metern.

Machu Picchu gliedert sich in eine Ober- und in eine Unterstadt, die sich auf etwa eintausend Meter Länge und fünfhundert Meter Breite in vierzehn Sektoren gliedern. Zur Oberstadt zählen das Palastviertel, das königliche Mausoleum und der Sonnentempelturm mit seinen drei trapezförmigen Nischen, durch dessen mittleres Trapez zur Sommersonnenwende am 21. Juni der Strahl der Sonne in eine Wandvertiefung fällt. Ferner das Tempelviertel mit dem Intihuatana als höchsten Punkt. In der Unterstadt finden sich das Speicherviertel sowie die Wohnviertel für Intellektuelle, Handwerker, Landwirte und der Gefängnisbereich.

Ausschließlich auf Terrassen errichtet, konstruierten die Inka insgesamt mehr als zweihundert Gebäude, Paläste und Tempel. Die Anlage gilt jedoch nicht als vollendet. Trotzdem ist Stein in Stein alles verzahnt. Nichts fällt herunter.

Obwohl die Inka weder das Rad kannten noch über Zugtiere oder Eisenwerkzeug verfügten, schafften sie die enormen Granitblöcke aus den Steinbrüchen der Umgebung auf den Berg hinauf. Mithilfe von Tauen haben sie diese über weite Strecken gezogen. Millimetergenau bearbeitet, passen sie so perfekt ineinander, dass nicht einmal ein Haar dazwischen Platz fände. Die Architektur der Anlage spiegelt zudem die dreiteilige gesellschaftliche Struktur wider: Die Häuser, Tempel und Paläste der Adligen weisen eine viel höhere Präzision und Schönheit auf als die Wohnviertel der Gelehrten. Diese unterscheiden sich wiederum von den Häusern und Terrassen der Bauern, welche den landwirtschaftlichen Bereich darstellten.

Die Stadtviertel sind zwar voneinander getrennt, aber durch Treppen und den Fluss des Wassers miteinander verbunden. Das Wasser war bei den Inka ein heiliges Element. Sie konstruierten Kanäle, die das aus den Bergen geleitete Wasser dreier Quellen auf sechzehn Brunnen verteilten. Jenes ausgetüftelte Bewässerungssystem funktioniert noch heute.

Den Bedarf an landwirtschaftlichen Erzeugnissen sicherten die  Inka mithilfe der Terrassenanlagen, die sie mit der fruchtbaren Erde des Urubamba-Tals füllten. Auf kleinstem Raum erzeugten sie Ackerland in der Größe mehrerer Fußballfelder.

Weltentrückt, geheimnisvoll und zu großen Teilen unbegreiflich, ist Machu Picchu ein Meisterwerk der Stadtplanung und Architektur – und aus jedem Winkel ein überwältigender Anblick.

Machu Picchu-Tourismus

Immer mehr Busse treffen ein, die die Tagestouristen über die asphaltierte Serpentinenstraße zum Eingangstor hinaufchauffieren. Sie fahren im Stundentakt und immer wenn in Aguas Calientes ein Zug eingetroffen ist. Täglich besuchen etwa zweitausend Personen Machu Picchu. In der Hauptsaison sind es noch mehr.

Die UNESCO gab den Anstoß, den Zugang zu limitieren, doch der Wirtschaftsfaktor scheint zu gewichtig: Zugfahrt, Unterkunft, Verpflegung, Eintritt, Souvenirs sowie An- und Abreise – da kommt einiges zusammen, was sich ein Schwellenland wie Peru nicht einfach nehmen lässt. Vielmehr wird, auch aufgrund der immer wiederkehrenden Erdrutsche und den damit verbundenen Reparaturmaßnahmen der Hiram Bingham Straße, über den Bau einer Seilbahn nachgedacht.

Aber darüber will ich heute nicht nachdenken. Die touristische Inszenierung war der Grund, warum ich nicht herkommen wollte, doch zu meiner Überraschung nehme ich sie gar nicht wahr. Es mag sein, dass das ignorant und heuchlerisch oder entrückt und geistesabwesend ist, aber sie hindert mich nicht daran, die Ursprünglichkeit von Machu Picchu zu erfahren. Es scheint, als sei die Magie der alten Kultur stärker als die Vermarktung der Neuzeit.

Während ich durch das Wunder der Steine schlendere, begegnen mir Sandy und Aurelie. Die beiden französischen Schwestern übernachten in Cusco in der gleichen Unterkunft und haben sich für die eintägige Machu Picchu-Variante entschieden. Weil für uns drei morgen der letzte Tag in Cusco ist, wollen wir den morgigen Abend gemeinsam verbringen.

Die Sprache von Machu Picchu

Inti wandert weiter den Himmel entlang. Mittlerweile ist es schon später Nachmittag und die unendliche Natur leuchtet in einem außergewöhnlichen Licht, als ich auf eine Südafrikanerin und einen Inder stoße. Die beiden sind sich selbst gerade erst begegnet und laden mich ein, den knapp einstündigen Weg zum Intipunku, dem Sonnentor mit ihnen zusammen zu gehen.

Es ist, als kennen wir uns und hätten uns für das Hier und Jetzt verabredet. Dabei kenne ich lediglich das unverfälschte Lächeln ihrer Lippen, das reine Strahlen ihrer Augen und die Herzenswärme ihrer Stimmen. Das ist die Sprache von Machu Picchu, die ich heute zu sprechen gelernt habe. Es ist sein Wesen, das jedes Wesen auskleidet, das sich für ein paar Stunden auf diesem entlegenen Winkel der Erde umtreibt. Wie ein unsichtbares Band liegt eine kraftvolle, positive Energie in der Luft, welches die Menschen aller Nationen und Kulturen umhüllt und jegliche Barrieren bis aufs Unkenntliche auslöscht. Die Auseinandersetzungen, Feindschaften und Konflikte, die auf den übrigen Breiten ausgetragen werden, sind hier unvorstellbar.

Diese friedvolle Atmosphäre lässt mich noch einmal ganz neu begreifen, was Frieden wirklich bedeutet: Er resultiert aus dem Inneren, aber ist im Außen erfahrbar. Nur wer seine eigene kleine Welt in Ordnung hält, kann dieser in der großen Welt begegnen.

Auf Machu Picchu ist die Magie in der Luft so real, als könne man sie beinahe greifen. Angeblich sollen sich die Kraftplätze alter Hochkulturen auf den Kreuzungspunkten der Gitternetzlinien unseres Planeten befinden – Machu Picchu ist ein solcher Kraftort. Eine Quelle guter Energie, die das Gefühl von Erschöpfung nicht aufkommen lässt.

Deeprankar, Patricia und ich sind die letzten, die die verlorene Stadt der Inka an die Nacht überreichen, ehe der Mensch ihre Tore wieder schließt. Während sich Inti mit einem malerischen Lichtspiel verabschiedet, verabschiede ich mich von den beiden und von Machu Picchu. Wiederkommen werde ich wohl nicht. Machu Picchu wäre anders. Machu Picchu ist an jedem Tag anders. Die Konturen sind gegeben, doch ausgemalt werden diese von den Menschen, Begegnungen und Augenblicken. Ein jeder Tag zeichnet neu. Mein Bild zeigt ein unverbesserliches Motiv. Ohne den Wunsch, auch nur ein kleines Detail verändern zu wollen, empfinde ich es als vollkommen.

Dann bettet sich die Ruinenstätte im Schatten der Nacht.

Machu Picchu ist eine Wunderlandschaft.

Voller Magie und von Friede erfüllt.

Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Märchenhaft, wenn es nicht so real wäre…

Landung auf irdischem Boden. Mit dem Spanier und den beiden Chilenen bewältige ich ein weiteres Mal die Stufen. Der dunkle Wald trägt die noch verbliebenen Touristen nach unten, während der Himmel aus den bunten Farben ein schlichtes Schwarz mischt, als spule er eine alte Kassette zurück. Glühwürmchen erleuchten den Weg, die Taschenlampe verbleibt im Rucksack. Ihr Schein wäre zu viel Schein – wir wollen nur Natur!

Als wir das Tal erreichen, sind die Sterne und der Mond schon am Nachthimmel platziert, der Urubamba ist wieder in Bewegung und erfüllt mit seinem tosenden Geräusch den Augenblick, als wir die Brücke überqueren. Dann sind wir zurück und es ist, als wären wir nie fort gewesen, dabei fühlt es sich an, als war ich Wochen unterwegs.

Mit roten Wangen und beseelt leuchtenden Augen erreichen wir den Mercado Central, wo grelles Neonlicht, lautstarke Musik und ein lebendiges Treiben mich auf irdischen Boden zu landen versuchen. Aber irgendwie bin ich irgendwo da oben hängen geblieben.

Dennoch weckt die Zivilisation auch den zivilisierten Teil meines Selbst: Der holprige Landungsversuch macht mich unversehens mit meiner eigenen Erschöpfung vertraut. Erst jetzt bemerke ich, dass ich hungrig und müde bin und dass die Sonne tiefe Spuren in mein Gesicht gebrannt hat.

Achtzehn Stunden später liege ich wieder in meinem Bett. Wo mich vor zwei Tagen das Geräusch der Ameisen und Spinnen begleitete, wo heute Morgen laute Gespräche widerhallten, herrscht an diesem Abend eine Stille, die aus meinem Inneren resultiert. Die Welt um mich herum spricht in anderen Sprachen, aber sie verstummt vor den Toren meiner Ohren.

Jetzt weiß ich: Machu Picchu muss man nicht sehen wollen. Man muss den Ort erleben. Denn er lebt, obwohl er totgesagt ist. Wenn man ganz still ist, hört man ihn atmen.

14. Mai 2010

Der Weg zurück

Unter freiem Himmel putze ich meine Zähne, packe meinen kleinen Rucksack und bezahle die Rechnung des Hostels. Aguas Calientes ist ausgestorben – die Menschen befinden sich bereits vierhundert Meter höher. Im Mercado, in dem sich die Zivilisation und die Ursprünglichkeit so rücksichtslos vermischen wie zwei Wetterfronten bei einem Gewitter, tanke ich Kraft für den Rückweg und lasse die typisch lateinamerikanische Atmosphäre eines unberührten Morgens auf mich wirken.

Dann beginne ich mit müden Beinen meinen Weg zurück nach Santa Teresa. Die Sonne strahlt auch an diesem Morgen. Keine Wolke trübt den Himmel, kein Gedanke meine Stimmung. Ich umrunde den Felsen, auf dem Machu Picchu schon wieder andere Besucher verzaubert und sehe vom Tal ebenso wenig, wie zwei Tage zuvor – erkenne heute aber viel mehr.

Wenngleich Machu Picchu sein Mysterium nicht preisgab, verriet mir seine Lautlosigkeit doch einen Teil des Geheimnisses: Jetzt weiß ich, wie sich Zeitlosigkeit anfühlt und in welcher harmonischen Melodie die Stille erzählt. Ich trage tiefe Zufriedenheit in mir. Von nun an gleicht jeder Gedanke an diese Erinnerung einem Schluck aus dem Zaubertrank, von dem gestern jeder Besucher trank. Er bewirkt einen tiefen Frieden mit allem, ein bedingungsloses Ja zu allem.

Jener Wind der Ursprünglichkeit, der mir hoch auf den Gipfeln der Anden ins Gesicht wehte und mir neue Energie einhauchte, schenkte mir das friedfertige Gefühl, nach dem ich in Deutschland so oft gesucht hatte. Hier, so unglaublich weit von der modernen Zivilisation entfernt, dafür einer alten Kultur und der Natur ganz nahe, durfte ich es erfahren, habe ich es gefunden und möchte es nicht mehr loslassen. Letztlich resultiert diese Empfindung aus dem Inneren, aber das äußere Umfeld gibt immer einen Impuls.

Von den Erinnerungen getragen, wandere ich berauscht zurück. Meine Gedankenwelt ist ruhig und lebendig zugleich. Sie unterhält und trägt mich und wenn sie einmal Lücken lässt, schleicht sich sofort die betörende Stille der Landschaft in mich hinein. Alles ist im Fluss und zieht durch mich hindurch, wie der Urubamba durch das heilige Tal. Wieder oder vielmehr immer noch, erfüllt mich das Gefühl von Transparenz, das mich mit der Umgebung verschmelzen und eins mit ihr sein lässt.

Die in meinen Gedanken auftauchenden Worte verweilen nur kurz, weil sich stets eine andere Erinnerung auftut. Ich möchte sie alle festhalten, weil das Gestern so besonders war, doch sogleich inspiriert mich die Geschichte von Machu Picchu und ich erkenne, dass es nicht immer darum geht, alles festzuhalten. Manchmal sind die Dinge bloß für eine gewisse Zeitspanne erdacht und manchmal ist es viel schöner, etwas wieder entdecken zu können.

Je später es ist, umso gleißender scheint die Sonne vom tiefblauen Himmel herab und lässt das Gehen meiner müden Beine immer schwerfälliger werden. Es ist heiß, aber nicht schwül. Eine trockene Hitze liegt über dem sandigen Weg, auf den die senkrecht stehende Mittagssonne nur kleine Schatten wirft, für die ich viel zu groß bin. Im Rhythmus zwanzig Schritte, dann einen Schluck Wasser, komme ich vorwärts.

Hin und wieder wirbeln die vorbeifahrenden Jeeps große Staubwolken auf, und weil die Führer der Reiseveranstalter um die Hitze wissen, wollen sie mich kostenlos mitnehmen. Doch meine Füße möchten beenden, was sie vorgestern begannen und das Gefühl von Schlichtheit und Abgeschiedenheit durch das Umsteigen in jenen mobilen Luxus nicht einfach vernichten. Und so tragen sie mich zurück bis in den kleinen Ort Santa Teresa, der hinter einer der unzähligen Kurven unversehens auftaucht.

Ohne Ortsschild liegt hier der Beginn der Siedlung. Ich überquere die hölzerne Brücke und schlendere durch die sandige Straße, die von kleinen Lehmhäuschen sowie einige Bananenstauden und Kaffeepflanzen begrenzt wird. Zurück in der Zivilisation, die dieserorts eigentlich ganz harmlos, aber mir nach den letzten Tagen völlig fremd erscheint, empfängt mich fröhliche Musik. Die gestrige Stille ist sogar hier, in dem vom schier endlosen Dschungel umzingelten Dorf, weit entfernt. Doch von nun an wohnt sie in meinem Herzen.

Auf der Suche nach einem Fruchtsaft wandle ich durch die sandigen Straßen. Die kleine Siedlung hält gerade Mittagspause. Sie lebt im Rhythmus der Natur und verdient im Rhythmus der Touristen: Noch ist es zu früh für jene, die Santa Teresa heute erreichen und schon zu spät für die, die bereits von hier aufgebrochen sind. Das Dorf wirkt wie ausgestorben. Nur das Kinderlachen zweier Mädchen ertönt in der Straße, in der neben uns dreien nur die Hitze herumschleicht. Ich sitze allein an einem der vielen Tische der kleinen Restaurants und genieße das Alleinsein und das Sitzen.

Wenige Stunden später fahre ich im Kleinbus zurück nach Cusco. Eingeengt zwischen den anderen Passagieren, überkommt mich mal wieder Platzangst. Über meinem Kopf dröhnt aus dem einzigen Lautsprecher lautstark Musik, die den gesamten Bus versorgen muss, obwohl die anderen Passagiere schlafen. Nur ich verharre wach, weil ich nicht weghören kann und weil sich an die Kopflehne nur meine Schultern anlehnen können. Müde schaue ich daher aus dem Fenster und beobachte die Figuren des aufgewirbelten Staubs, der unseren Bus in eine sandige Glocke hüllt. Kleine Lehm- und Steinhäuser fliegen hinter dem Fenster vorbei und die grünen Berghänge wollen einfach kein Ende nehmen. Der unebene Boden schaukelt uns durch den Hochland-Regenwald, den die Einheimischen poetisch als Ceja de selva, als Augenbraue des Dschungels, bezeichnen.

Stunden später funkeln die Sterne am Himmel und mal über, mal unter uns tauchen in den ferner gelegenen Serpentinen die Lichter anderer Fahrzeuge auf. Längst weiß ich, dass es manchmal besser ist, nichts zu sehen.

Nach sechs Stunden erreichen wir Cusco.

Cusco ist kalt und ich bin müde. Mit dem Wechsel des Klimas und der veränderten Vegetation erscheinen die Erlebnisse vergangener Stunden viel ferner, als sie es tatsächlich sind.

Auszug aus dem Reisebericht über Peru

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