Leseprobe aus der südamerikanischen Reiseerzählung Schlaflos in der Regenzeit

21. Januar 2010

Wo die innere Welt lauter sein darf, als die äußere

S.64 – 66

Das Leben im Centro ist eine andere Welt. Es ist eine Welt, in der alle zusammen und doch irgendwie jeder für sich lebt; in der man sich nah und doch so fern ist. Vieles ist anders als im Rest von Lima, doch das gleichzeitige Vorhandensein der Distanz in der Nähe macht auch vor diesem Ort nicht Halt.

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Auf den ersten, flüchtigen Blick mag die kleine Welt mitten in Santa Clara schwermütig, vielleicht sogar mitleiderregend wirken. Doch schnell verkehrt sich diese Wahrnehmung: Das Dasein in Vida Nueva wirkt unbeschwert, einzigartig und auf eine sehr besondere Art anders.

Die Kinder werden am Morgen gebracht und nachmittags geholt. Sie hinterfragen die Dinge nicht, der Blick auf die Uhr ist ihnen unbekannt. Sie leben ohne Zeit. Viele wissen nicht, wie viel Uhr, welcher Tag oder welches Jahr gerade ist und manche auch nicht, wie viele Jahre sie selbst zählen. Sie zählen nicht. Für sie muss etwas anderes zählen. Vielleicht ist es die Gegenwart!?

Manches erkläre ich drei, vier oder fünf Mal und schaue anschließend in noch immer leere Augen, denen unsere Welt zu abstrakt scheint. Ihrer inneren Welt zugewandt, verstehen sie die Welt, die ich ihnen zu erklären versuche, nicht. Und wenn ich in ihren Augen versinke, verstehe ich manches selber nicht. Ich beginne zu hinterfragen, was wichtig im Leben ist, welche Meinungen bedeutsam und welche Ansichten richtig sind, welches Wissen relevant ist und für was es relevant sein könnte.

Aber ich finde keine Antworten.

Ihre kleine Welt scheint so schlicht und einfach. Die, in der ich lebe, hingegen so komplex und programmiert. Mein Kopf ist voller Gedanken, während sie malen, basteln oder spielen. Während sie im Moment versunken sind, bin ich häufig woanders. Ich lebe drei Realitäten: Durchdenke die Möglichkeiten, das Gestern und das Morgen und muss feststellen, dass ich hier und zugleich fort bin.

Wenn ich sie betrachte, lehren sie mich das Sein: Das vollkommene Sein in der Gegenwart und das schlichte Annehmen des Unveränderlichen. Auch mit zwanzig Jahren sind sie kleine Lebenskünstler, denen die Welt ihren Stempel nicht aufdrücken konnte, während die Welt aus uns gesunden Menschen gleichfunktionierende Erwachsene formt, die auswendig lernen, das auswendig Gelernte wieder ausspucken sollen, ihren Berufsalltag auswendig kennen und irgendwann auch diesen wieder ausspucken wollen. Wer das am besten kann, erhält die beste Bewertung. Hier wird nicht bewertet, hier wird nicht auswendig gelernt. Hier wird zu leben gelernt. Etwas, das während all der Jahre meiner Schulzeit nie Unterrichtsfach war.

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Nicht ich kann ihnen etwas beibringen, sie lehren mich: Ihre Ruhe erfüllt auch mich mit Ruhe, ihre Gelassenheit lässt mich gelassen sein. Hin und wieder erwachen plötzlich ihre Augen, als erstrahle in ihnen ein helles Licht. Plötzlich wirken sie erfüllt und ich frage mich, was in ihnen vorgeht. Was sie denken, empfinden, wahrnehmen und wünschte, sie könnten sich ausdrücken und es mir mitteilen – doch die Sprache ist nicht ihr Medium der Kommunikation.

Jedes Kind ist anders und zu jedem Kind, zu jeder kleinen Welt, führt ein anderer Weg. Wenn ich sie betrachte, kann ich die kleinen Welten, von denen sie umgeben sind, förmlich sehen, obwohl sie unsichtbar sind. Sie sind so individuell und das lässt sie schön sein. An jedem Tag tanzen sechzig kleine Welten durch das Centro, die alle eine andere Sprache sprechen, eine andere Kultur leben und andere Bedürfnisse haben – und sich trotz ihrer Verschiedenheiten verstehen. Was in der großen Welt nicht funktioniert, ist hier möglich.

Es gibt ein Miteinander, kein Gegeneinander.

Es gibt Einzigartigkeit, keine Schablone.

Jeder darf sein, wer er ist und wie er ist, weil er sein darf!

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Als Volontärin in Lima, Peru

Hintergrund:
Das Centro Vida Nueva ist eine Schule und Therapieeinrichtung für Kinder mit verschiedenen Behinderungen und Krankheitsbildern am Stadtrand von Lima, Peru. Es wurde im Jahr 1993 von der peruanischen Psychologin Marlene Pérez gegründet und versucht auch den ärmsten Familien eine Förderung für ihr Kind zu ermöglichen. Zur Zeit besuchen etwa sechzig Kinder im Alter von zwei bis fünfundzwanzig Jahren das Centro, die meist aus sehr armen Familien kommen. Eine private Förderung für ihr Kind können sie sich nicht leisten und kostenlose staatliche Einrichtungen gibt es nicht.

Mehr Informationen erhalten Sie auf der Homepage von Vida Nueva: http://www.vida-nueva.de

Die Fotos entstanden in der Zeit von Dezember 2009 bis April 2010, während ich als Volontärin in Vida Nueva arbeitete. Parallel entstand durch die Leser meines Blogs die Idee für meine Bücher »Schlaflos in der Regenzeit« und »Zwischen den Zeilen reisen«.

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